20. Oktober 2011: Reportage Häuserrundgang

 

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Reportage zum Häuserrundgang in Enslingen

Vortrag: Albrecht Bedal, Fotografien und Hausgeschichten von Hermann und Liselotte Kratochvil

Ort: Gasthaus „Krone“ in Enslingen

Zeit: 20.00 Uhr

Häuserrundgang Enslingen
Die alten Häuser der Ortschaft Enslingen, heute in Teil der Gemeinde Untermünkheim, sind vom Äußeren her anspruchslos, kaum kann man ein Fachwerk erkennen. Beim ersten Hinsehen stammen wohl die meisten Häuser aus dem 19. Jahrhundert. Beim Rundgang 2011

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Albrecht Bedal

konnten fast alle interessierenden Gebäude begangen werden. Trotz ihrer jung wirkenden Fassade konnten etliche der Bauernhäuser aufgrund ihrer baulichen Innenstruktur mit ihrer Entstehungszeit zwischen dem Spätmittelalter und dem 18. Jahrhundert eingeordnet werden – und zwar überall im Dorf: am Westrand, unten im Tal und bei der Kirche. Und das erstaunt schon, da wir wissen, dass das Dorf im Dreißigjährigen Krieg starke Zerstörungen und Verwüstungen erlitt. Von den begutachteten 65 Gebäuden im alten Ortskern stammen heute noch etwa 15 Prozent aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg, etwa 25 Prozent aus der Zeit von etwa 1650 bis 1800 und weitere knapp 30 Prozent aus dem 19. Jahrhundert.

Natürlich hat kein Haus die Zeiten unverändert überstanden, das wäre auch äußerst ungewöhnlich. Sie sind alle verändert, umgebaut, angebaut, die Fassaden erneuert, aufgestockt oder sonst wie modernisiert worden.
Das zweigeschossige Wohn-Stall-Haus schält sich als typisch für Enslingen wie für die Region heraus, bei dem im Erd- oder Untergeschoss der Stallbereich untergebracht ist, im Obergeschoss – in der Regel in Fachwerk konstruiert – die Wohnebene. Eigentlich hätte man in einem Dorf wie Enslngen, das bis ins 19. Jahrhundert hinein eher ein Weingärtner-und Handwerkerdorf als ein reines Bauerndorf war, kleinere, häufig eingeschossige Häuser erwartet. Eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis ist, dass sich hinter oftmals unscheinbarem Äußeren großartige ältere Bausubstanz verbirgt – wenn auch selten attraktiv
erhalten, nicht datiert und selten leicht zu erkennen.

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Albrecht Bedal

Natürlich gibt es beim Bau keine strenge Regel und Uniformität, sondern es treten Varianten der grundsätzlich gleichen Anordnung auf. So stehen neben den häufig mit der Traufe parallel zur Straße angeordneten Häusern auch giebelständige Anlagen, so werden die Häuser zwar überwiegend von der Längsseite mit der Haustüre erschlossen, aber es gibt genauso auch Beispiele für den giebelseitigen Eingang.

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Albrecht Bedal

 

 

Auch die Lage von Wohnstube und Küche können variieren. Einmal liegen Stube und Küche nebeneinander am Giebel, ein
andermal an der Traufwand hintereinander. Aber immer sind sie durch die Feuerwand, an der der Stubenofen steht und von der Küche aus geheizt wird verbunden. Das älteste erhaltene Fachwerkgebäude des Dorfes Enslingen ist das heute verputzte Haus Enselbachweg 1. Reste spätmittelalterlicher Mauern können im Haus Klingenweg 8 (dem ehemaligen Rathaus) und im Gasthaus Krone vermutet werden.

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Albrecht Bedal

Auffällig viele Wohn-Stall-Häuser aus der Zeit des 17. Jahrhunderts sind im Dorf erhalten geblieben. Charakteristisch dafür sind die verrußten Hölzer im Dachstuhl, die auf ein ehemals offenes Herdfeuer im Haus und einen fehlenden Schlot hinweisen – später ist der Rauchabzug über Dach Standard, es bleibt jedoch weiter der offene Herd in der Küche bis weit hinein ins 19. Jahrhundert üblich. Als Beispiel für einen Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges kann das Haus Langenburger Straße 7 gelten, das ein perfekt erhaltenes Dach mit den geschwärzten Balken und zwei liegenden Stuhlbindern überliefert hat.

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Albrecht Bedal

Üblicherweise wurde die zum Wohn-Stall-Haus gehörige Scheune mit Barn und Tenne als extra Gebäude errichtet. Allerdings wird es im Laufe des späten 18. bis ins 19. Jahrhundert hinein modern, die Scheune direkt ans Wohnhaus anzubauen, so dass damit der Eindruck eines einheitlichen, längeren Baus mit Stall, Scheune und Wohnung unter einem First entsteht. Alle älteren Beispiele in Enslingen zeigen, dass ursprünglich eine solche Verbindung nicht gängig war.
Typisch für Taldörfer wie Enslingen sind die mit dem Bevölkerungswachstum nach der Eingliederung nach Württemberg einhergegangenen baulichen Veränderungen in der Altsubstanz.

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Albrecht Bedal

Im alten Ortskern kam vor dem 20. Jahrhundert eine Siedlungserweiterung kaum in Frage. Häuser wurden stattdessen gerne geteilt – entweder quer oder längs –, manchmal auch stockwerksweise; in einigen wenigen Fällen wurde aufgestockt. Außerdem wurden gelegentlich die früher dem Stall vorbehaltenen Erdgeschosse zu Wohnzwecken umfunktioniert. Den Stall, nun nicht mehr so wichtig, verkleinerte man oder rückte ihn in die Scheune, die zu einer Stall-Scheune mutierte. Bei einigen Beispielen wurde der frühere Stallraum zur Werkstatt umgebaut: zu einer Schmiede oder zu einer Bäckerei. In dieser Umbauphase sind auch viele neue Baudetails eingebracht worden, die das eigentliche Alter der Häuser verschleiern: zeittypische Türstöcke mit Inschriften, größere Fenster und dergleichen mehr. Daher bezeichnen eingravierte Jahreszahlen in der Regel Umbauten, aber nicht den eigentlichen Ursprungsbau.

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Albrecht Bedal

Erst im 19. Jahrhundert wird eine zweite Stube mit einem Ofen eingerichtet – den erhalten im Regelfall die Ausgedinger, also die Alten, die ihren Hof abgegeben haben, aber ein Wohnrecht im Haus behalten. Über ein blechernes Rauchrohr werden die Abgase in den alten Kamin eingeführt. Damit wird der Aufstellort des
Ofens unabhängig von der Lage des Kamins.

Enslingen besaß als eigenständige Gemeinde im 19. Jahrhundert für alle wichtigen Einrichtungen die entsprechenden Gebäude, die von einem solchen Dorf erwartet werden dürfen: Kirche, Pfarrhaus, Rathaus, Schulhaus, Arrestzelle, Hirtenhaus; dazu die Mühle als Mahl-, Säge- und Ölmühle, Weinkelter, zwei Wirtshäuser, früher sogar ein Badehaus. Dazu kommen Werkstätten für Schmiede, Wagner, Bäcker, Brauerei und Metzger (Kronenwirt). Es fehlen Gemeindebackhaus, Armenhaus und Spritzenhaus. Die übliche Flachsbreche mit Schürhaus stand in der Gemarkung Feilwiesen Richtung Geislingen wegen der von ihr ausgehenden Feuergefahr außerhalb des Ortes. Im 20. Jahrhundert kommt ein Gemischtwarenladen dazu, aus einer Schmiede wird eine Landmaschinenschlosserei, später mit Tankstelle und Kraftfahrzeugbetrieb. Heute sind all diese Einrichtungen wieder verschwunden – nur das Gasthaus Krone existiert  weiter.

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Häuserrundgang Februar 2011
Offene Türen